Der Abend begann mit diesem merkwürdigen Gefühl von Zeitverzerrung, wie es nur Kneipen mit jahrzehntealter Patina erzeugen können. Das letzte Mal war ich hier im Oktober – und seitdem lag ein ganzes absurdes Kapitel Leben dazwischen: Rumgeschwängerte Nächte irgendwo in der Karibik, Blizzards in Iowa, ein staubiger Roadtrip durch Panama, bei dem der Motor öfter hustete als ich nach drei Tagen ohne Schlaf. Und dann plötzlich wieder Münster. Die Tür auf – und zack – als wäre keine verdammte Sekunde vergangen.
Die Heile Welt ist so ein Ort. Eine Szene-Kneipe mitten in der Stadt, die sich anfühlt wie ein anarchistisches Wohnzimmer. Mutti hinter der Theke begrüßt dich, als wärst du ein verlorener Sohn, der endlich aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Ihre Thekenschergen verteilen Bier, Lächeln und warme Worte mit der Effizienz eines eingespielten Piratenkommandos. Kaum hatte ich das erste kalte Getränk in der Hand, begann der Wahnsinn auch schon.
CPT.KØLLAPS hatte zum Konzert gerufen – inklusive Videodreh – und natürlich kamen sie alle. Die Bude war wieder einmal so voll, dass selbst die Luft schwitzte. Schulter an Schulter, Bier an Bier, Punk an Punk. Und dann knallte es los.
Der rumpelige Deutschpunk von Cpt. Kollaps rollte durch den Laden wie ein rostiger Güterzug auf kaputten Schienen. Direkt zum Auftakt „Hömma Somma“, und plötzlich bewegte sich der ganze Raum. Danach „Kneipe“, was in dieser Kneipe natürlich ungefähr so subtil war wie ein Molotowcocktail im Wohnzimmer. Spätestens bei „Fuck War“ war klar: Heute wird hier nicht nur Musik gespielt – hier wird kollektiv Dampf abgelassen.
Die Leute tanzten, brüllten, schwappten durch den Raum wie eine betrunkene Menschenflut. Bierbecher flogen, Schultern rempelten, irgendwo lachte jemand wie ein Wahnsinniger. Genau so muss Punk funktionieren.
Als Zugabe dann noch das Cover von „Ich bin komplett im Arsch“ von Feine Sahne Fischfilet – und selten hat ein Songtitel den Zustand eines Publikums präziser beschrieben.
Am Ende stand ich draußen in der kalten Münsteraner Nacht, mit klingelnden Ohren und diesem zufriedenen Gefühl, das nur eine gute Punkshow hinterlässt.